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Immobilienfinanzierung trotzt anhaltender Corona-Krise – getrieben von zwei Giganten

Im Frühjahr/Sommer 2020, als Corona auch Deutschland in den Lockdown zwang, beschäftigten sich diverse Veröffentlichungen mit der Frage, welche Branchen von den Einschränkungen besonders betroffen sein werden (mehr darüber können Sie in unserem White Paper „Auswirkungen von Corona auf Finanzdienstleister“ erfahren). Dabei machte man eine interessante Beobachtung: Der Immobiliensektor und hiermit auch die Immobilienfinanzierung zeigten sich von den negativen Effekten ziemlich unbeeindruckt. Branchenkenner führten diese Robustheit auf Sondereffekte zurück. Und es wurde gemutmaßt: Ein Einbruch wird – wenn auch mit Verspätung – unvermeidbar sein. Der Immobiliensektor wurde als „Verlierer der zweiten Reihe“ eingestuft.[1]

Doch nun, im Frühherbst 2020, ist noch keine nennenswerte Eintrübung festzustellen. Neben der ungebrochenen Nachfrage nach attraktivem Wohnraum könnte das daran liegen, dass die Immobilienfinanzierung bereits weitaus digitaler stattfindet, als es viele vermuten. So konnten die Kontaktverbote nicht unmittelbar negativ auf die Geschäftspraxis wirken, wie es beispielsweise der Fall ist, wenn „körperliche Präsenz“ zwingende Voraussetzung ist, um ein Geschäft betreiben zu können. Geht man der Frage nach, auf wen sich die „digitale Immobilienfinanzierung“ verteilt bzw. konzentriert, so stößt man auf eine mindestens ebenso beachtenswerte Beobachtung: Der deutsche Markt wird von einem Duopol aus zwei Riesen dominiert. Die Rede ist von den beiden Internetplattformen Interhyp und Hypoport.

Welche Auswirkungen hat die fortschreitende Beliebtheit von Plattformen auf den Markt der Immobilienfinanzierung im Allgemeinen und welche Konsequenzen bringt die Duopolisierung mit sich? Wie sollen Banken als Anbieter von Immobilienfinanzierung mit diesen Trends umgehen? In diesem Artikel erfahren Sie es.

1. Die Bedeutung von Plattformen für Immobilienfinanzierung

Der Siegeszug von (Vergleichs-)Plattformen allgemein

Die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich „Internet“, „E-Commerce“ und allgemein das „Digital Business“ in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt haben, machten Portale aus Sicht des Endnutzers schnell unentbehrlich. Sie machten die explosionsartig zunehmenden Angebote im Internet für den End-User komfortabel auffindbar, transparent und vergleichbar.

Der Beitrag von Plattformen wird verständlich, wenn man die Bedürfnisse des Web-Kunden auf die drei fundamentalen Säulen der Customer Journey eines Kaufprozesses reduziert:
„Informieren“, „Vergleichen“ und „Abschließen“.

Abb. 1: Der Wunsch des Kunden – einfach formuliert in drei Schritten, Quelle: afb

„Informieren“: Die Plattformen haben die Phase des Informierens revolutioniert. Während einzelne Anbieter sich auf die Beschreibung ihrer Produkte beschränkten, haben die Plattformen schnell erkannt, dass der User an Zusatz-Content und Zusatzfunktionalitäten (z. B. diverse Kalkulationstools) interessiert ist. Des Weiteren bietet aus Sicht des Kunden der einzelne Finanzdienstleister in der Informationsphase auch deshalb weniger Mehrwert als eine Plattform, weil ein einzelnes Unternehmen subjektiv die eigenen Produkte so schön wie möglich verpackt anpreist. „Vergleichen“: Noch klarer wird der Vorteil der Plattform in der Phase des Vergleichens. Das ist die Ur-Bestimmung der Plattformen. Durch eine geschickte Systematisierung schaffen sie es, die Leistungen verschiedener Anbieter transparent so gegenüberzustellen, dass der User die Unterschiede auf Anhieb sieht. Ein einzelner Anbieter dagegen bietet in dieser Phase keinen Mehrwert für den End-User. Er bietet den Vergleich mit anderen Anbietern in der Regel gar nicht an. Im Gegenteil: Einzelne Anbieter versuchen vielmehr, einen transparenten Vergleich um jeden Preis zu vermeiden. Wer will schon freiwillig die Konkurrenz fördern? Die Plattformen konnten als „neutrale Dritte“ diesen Wunsch besser befriedigen als die einzelnen Finanzdienstleister. „Abschließen“: Zudem waren Plattformen schneller bei der Realisierung des direkten Geschäftsabschlusses im Internet, waren doch viele Finanzdienstleister schlichtweg aus technischen Gründen und wegen eines bereits umfangreichen Projektportfolios überfordert. Sie hatten mit der Digitalisierung ihrer konventionellen Prozesse bereits genug zu kämpfen und oft große Mühe, einen neuen, komplett digitalen Vertriebsweg zu integrieren.

Somit stand es schnell 3:0 für die Plattformen. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich die User schnell den Plattformen zuwandten und oft – entsprechend der Plattformempfehlung – Angebote von anderen als ihren „Hausbanken“ wahrnahmen, z. B. das kostengünstigste oder vermutlich schnellste.

Siegeszug von Plattformen bei der Immobilienfinanzierung sorgt für Sinneswandel

Besonders erfolgreich funktioniert(e) dies, wenn sich die Prozesse end-to-end einfach und medienbruchfrei realisieren lassen: Neben dem Informieren und Vergleichen will der User vor allem auch das Geschäft abschließen – und das zunehmend digital.

Anfangs war dies nur bei einfachen Geschäften der Fall. Das jedem bekannte Beispiel „Bücher“ steht exemplarisch als Vorreiter für den Kauf und die Lieferung einfacher Güter im Internet. Bei komplexeren Prozessen und Gütern mit einem hohen Anschaffungswert, die z. B. finanziert werden müssen, funktionierten vor allem die ersten beiden Schritte, aber das Abschließen konnten nur wenige bieten. Dennoch haben Plattformen auch diese Hürden genommen, noch bevor viele Finanzdienstleister selbst dazu in der Lage waren. So konnte die Digitalisierung auch im Bereich der Immobilienfinanzierung Einzug halten und den Status quo im Immobiliengeschäft stark herausfordern.

Früher, insbesondere in der Prä-Internet-Ära, war es für die Kunden üblich, sich persönlich bei dem Berater der „Hausbank“ über Baufinanzierungskonditionen zu informieren. Heute wollen die User am liebsten eigenständig und anonym erkunden, welche Immobilie zu ihnen passt bzw. wie sie diese am besten finanzieren können. Genau diesem Kundenwunsch wird durch die Vergleichsplattformen Genüge getan (Abb. 1).

So ist es nicht besonders überraschend, dass immer mehr potenzielle Kunden bei der Suche nach den eigenen vier Wänden auf solche Plattformen zurückgreifen. Dies bestätigt auch eine Aussage, die Interhyp im März 2020 veröffentlicht hat: Immobilienfinanzierungen werden trotz der Corona-Krise weiterhin nachgefragt, nachdem sich die potenziellen Kunden vorab über digitale Services und im Internet informiert haben[2] – und das, obwohl Immobilienfinanzierungen das Paradebeispiel dafür sind, dass der Prozess wesentlich komplexer ist als bei einem Ratenkredit.

Über ähnliche Ergebnisse berichtet auch eines der größten Preisvergleichsportale Deutschlands, Check24, im April dieses Jahres. Laut Angaben des Unternehmens wird ein massiver Anstieg der Nutzung digitaler Baufinanzierungsberatung von zu Hause per Screen-Sharing beobachtet – ein Plus von 103 Prozent gegenüber der Vorjahreswoche.[3]

Abb. 2: Prozentualer Anstieg bei der digitalen Beratung im Bereich Baufinanzierung, Quelle: Check24

2. Grobe Klassifizierung der Plattformen für Immobilienfinanzierung

Generalisten

Zu den Generalisten zählen sogenannte allgemeine Portale, die Produkte einer Vielzahl von unterschiedlichen Produktgruppen gegeneinander abwägen, unter anderem gehören Check24, Verivox, Vergleich.de etc. dazu. Sie haben oft beim reinen Vergleich von einfachen Gütern begonnen und z. B. Waschmaschinen oder Computerhardware verglichen. Aufbauend auf ihrem technologischen Know-how und dem Wissen über digitale Geschäftsmodelle entwickelten sie ihr Angebot stetig weiter und bieten heute einen Portalservice auch in komplexen Bereichen an, z. B. der Immobilienfinanzierung.

(Immobilien-)Spezialisten

Andere wiederum sind gleich mit der Fokussierung auf das Thema „Immobilienfinanzierung“ ins Rennen gegangen. Diese „Spezialisten“ haben sich gleich auf die aufwendige digitale Abbildung des komplexen Feldes des Immobilienerwerbs fokussiert. Hierzu gehören beispielsweise Dr. Klein, Baufi24, ImmoScout24, ImmoWelt u. a. Dabei stand zunächst das Objekt im Vordergrund, bevor die Finanzierung hinzutrat.

Duopol im Bereich der digitalen Plattformen für Immobilienfinanzierung

Auffällig ist, dass sich im Partner- bzw. Maklergeschäft zwei besonders starke Player entwickelt und den Markt mit ihren rasanten Wachstumsraten fast unbemerkt duopolisiert haben: die Münchner Interhyp mit der eHyp-Plattform ihrer Tochter ProHyp – und Hypoport aus Berlin, u. a. mit der Europace-Plattform und weiteren Angeboten u. a. für die Sparkassen- und die genossenschaftlichen Finanzgruppen. Bei beiden steht die Finanzierung im Fokus, z. B. mit dem Claim: „Wir verbinden Wünsche mit Banken.“[4]

3. Aufstieg zweier Giganten: Interhyp und Hypoport

Jede dritte Immobilienfinanzierung läuft über Interhyp oder Hypoport

Wie die aktuelle Situation in Zahlen aussieht, wird in Abb. 4 sichtbar. Wenn die Summe der Neugeschäftsmarktanteile des Duos im ersten Quartal dieses Jahres berechnet wird (rund 10 Prozent die eHyp-Plattform und 24,7 Prozent die Europace-Plattform), ergibt sich eine rund 35-prozentige Abdeckung des Gesamtmarktes. Betrachtet man das reine Plattformgeschäft isoliert, d. h. ohne das „Direktgeschäft“ der Banken und Finanzdienstleister, so liegt der Anteil von Interhyp und Hypoport noch deutlich höher.[5]

Abb. 3: Marktanteile der (B2B-)Plattformen am Immobilienfinanzierungs-Neugeschäft in Prozent, Quelle: finanz-szene[6]

Daraus ergibt sich, dass mehr als ein Drittel aller hierzulande abgeschlossenen Immobilienfinanzierungen zuletzt entweder über Interhyp oder Hypoport vermittelt wurde. Wir versuchen, eine mögliche Erklärung dieses Phänomens zu geben, indem wir sie im Folgenden kurz vorstellen:

Interhyp

Die Interhyp AG wurde 1999 in München gegründet und ist heute der größte Vermittler privater Baufinanzierungen in Deutschland. Das Kerngeschäft des Unternehmens besteht aus dem Vergleich bzw. der Vermittlung von Finanzierungsangeboten für den Bau neuer oder den Kauf bestehender Immobilien sowie Anschlussfinanzierungen, wobei die Bandbreite vom klassischen Annuitäten- bis zum geförderten Wohn-Riester-Darlehen reicht.[7] Das Interhyp-Geschäftsmodell fokussiert das Angebot systemgestützter Konditionsvergleiche am Markt sowie die Beratung und Auswahl der passenden Finanzierung.[8]

Interhyp vergibt selbst keine Darlehen, sondern vermittelt Angebote von Banken, Sparkassen, Bausparkassen und Versicherungen. Mit den Marken Interhyp, die sich direkt an den Endkunden richtet, und Prohyp, die sich an Einzelvermittler und institutionelle Partner wendet, vermittelte die Interhyp-Gruppe im Geschäftsjahr 2019 Finanzierungen mit einem gesamten Volumen von 24,5 Mrd. Euro.[9]

Im Jahr 2008 wurde Interhyp vom niederländischen Banken- und Versicherungskonzern ING Direct übernommen. In der Folgezeit baute Interhyp die Zahl seiner Kreditgeber allmählich auf heute über 400 aus.[10] Unter der Führung von ING Direct wächst die Vor-Ort-Präsenz weiter und beläuft sich heute auf rund 1.600 Mitarbeiter an über 110 Standorten bundesweit.

Hypoport

Hypoport SE ist ein Netzwerk von Technologieunternehmen für die Kredit-, Immobilien- und Versicherungswirtschaft. Die Gesellschaft gruppiert sich in vier Segmente: Privatkunden, Kredit-, Immobilien- und Versicherungsplattform.

Zentraler Marktplatz der Kreditplattform ist Europace. 2007 wurde zusätzlich die Immobilienfinanzierungsplattform für Volksbanken und Raiffeisenbanken Genopace gegründet, bei der Banken die Möglichkeit haben, das eigene Produktangebot sowie Produkte Dritter über einen zentralen Marktplatz zu vermitteln.[11] Kurz darauf, im Jahr 2009, wurde eine weitere Vergleichsplattform gegründet (FINMAS), diesmal für die Sparkassen und in Kooperation mit dem Ostdeutschen Sparkassenverband (OSV). Die FINMAS hat nunmehr 277 Vertragspartner und bei Genopace sind es 345.[12]

4. Konsequenzen für den Markt der Immobilienfinanzierung

(1) Übersicht

Für die folgende Betrachtung gehen wir auf die Aspekte Digitalisierung an sich und die Entwicklung des Duopols ein, das Ganze aus der Kundenperspektive und der Perspektive der Banken/Finanzdienstleister.

Abb. 4: Auswirkungen der Verbreitung von Plattformen und Konzentrationseffekte aus der Perspektive des Kunden und der Anbieter, Quelle: afb

(2) Kundenperspektive: Noch mehr Macht für König Kunde, die gerne angenommen wird

(a) Bedeutungszunahme von Plattformen an sich

Die Auswirkungen auf die Kunden lassen sich in einer ebenso altbekannten wie höchst aktuellen Formel zusammenfassen: „Der Kunde ist König.“ Könige freuen sich über mehr Machtfülle. Übertragen auf den Kunden einer Immobilienfinanzierung bedeutet das: Je größer die Angebots- bzw. Vertriebskanälevielfalt, desto besser. Neue Möglichkeiten gliedert König Kunde gerne in seine (digitale) Customer Journey ein. Dabei gilt: Dauert es dem potenziellen Kunden bei einem Teilschritt der digitalen Customer Journey zu lange oder bekommt er dort das erwartete Kundenerlebnis nicht, sucht er sich woanders (z. B. in einem anderen Webangebot) ein besseres Kundenerlebnis. Schließlich ist im Web das Bessere immer nur einen Klick weit entfernt vom Guten.

Die Beliebtheit von Plattformen und sonstigen digitalen Wegen bei der Suche nach der optimalen Immobilienfinanzierung belegen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die im April dieses Jahres vom Suchmaschinen-Experience-Dienstleister Yext in Deutschland durchgeführt wurde:[13] Den Ergebnissen zufolge suchen 26 Prozent der deutschen Verbraucher alle paar Tage online nach Banken, Bankberatern oder Bankfilialen. Bei der Suche bewegen sich die User im gesamten Onlineökosystem: Sie nutzen Suchmaschinen (68 Prozent), die Websites der Hausbanken (48 Prozent) sowie Vergleichsportale (45 Prozent).

Abb. 5: Ergebnisse der Studie zum Onlinesuchverhalten bei Banken und Versicherungen, Quelle: YEXT

(b) Duopolisierung

Die Tendenz, dass Plattformen immer wichtiger auf dem Weg zur Immobilie werden, ist für den Endkunden also ein durchaus positiver Effekt. Doch was bewirkt zusätzlich die Beobachtung, dass sich die Machtverhältnisse zusehends auf zwei Plattformen konzentrieren? Diese Duopolisierung bzw. solche Konzentrationseffekte stören den Kunden vorerst nicht. Zum einen bleibt dieser Umstand aufgrund der komplexen Marktstrukturen von den Kunden lange unbemerkt. Zum anderen steht für den Kunden radikal der Mehrwert im Fokus der Betrachtung, den die Plattform dem Kunden bietet. Was hinter den Kulissen passiert, ist vorerst zweitrangig. Vormachtstellungen – das sieht man bei Google, Amazon, Facebook und Co. – werden so lange akzeptiert, wie dem Kunden ein Mehrwert geboten wird. Dass diese Vormachtstellungen auch negative Effekte erzeugen (z. B. durch Arbeitsbedingungen bei Amazon oder Datenskandale bei Facebook) stören den Kunden so lange nicht, wie der Nutzwert hoch ist.

Es bleibt also dabei: Plattformen sind für den Kunden etwas Positives und eine Duopolisierung ändert nichts daran.

(3) Perspektive der Finanzdienstleister: Bestehende Schicksalsfrage verstärkt sich zur akuten Gefahr

(a) Bedeutungszunahme der Plattformen an sich

Vorweg gesagt: Für Finanzdienstleister ist die Bedeutungszunahme der Plattformen nicht so eindeutig positiv wie für den Endkunden. Die Möglichkeit, sich einer Plattform anzuschließen, bietet Finanzdienstleistern zwar viele Vorteile. Diese liegen offen zutage und sind oft kurzfristiger Natur (z. B. Geschwindigkeit, geringe Investitionen). Sie werden aber durch viele Nachteile begleitet. Diese sind dagegen oft langfristiger, strategischer Natur und werden erst auf den zweiten Blick sichtbar.

Aus diesem Grund stehen Finanzdienstleister aktuell vor einer wichtigen Fragestellung: Sollen sie sich einer Plattform anschließen oder sollen sie in eigene digitale Antragsstrecken investieren, um digital Kunden für die Immobilienfinanzierung zu gewinnen?

Das Regensburger Institut ibi research hat die Finanzdienstleisterperspektive in seiner Studie „Vergleichsportale in der Finanzdienstleistung – Status quo, Geschäftsmodelle und zukünftige Implikationen für den Wettbewerb“ untersucht.[14] Ihren Ergebnissen zufolge erkennen viele der befragten Finanzdienstleister eine gewisse Dichotomie, wenn die Rede von Vergleichsportalen ist. Einerseits ist ihnen die Bedeutung der Onlineplattformen als Vertriebskanal durchaus bekannt. Zu den weiteren Vorteilen zählen die große (digitale) Reichweite sowie die Stärkung des eigenen Omni-Channel-Auftritts oder der Marktbekanntheit. Die Nachteile werden laut den Studienergebnissen in folgenden vier Punkten gesehen:

  • Gefahr des Kundenkontaktverlustes,
  • Verringerung der Möglichkeiten zur Neukundengewinnung,
  • Konkurrenz von eigenen Produkten zu den Produkten der Vergleichsportale und
  • Anforderungen an Ausgestaltung und Bepreisung der eigenen Produkte auf dem Vergleichsportal.

Theoretisch betrachtet hatten Finanzdienstleister diese Wahlmöglichkeit schon immer. Aber in der Praxis war das bei vielen Finanzdienstleistern (gerade bei den kleineren) lange Zeit nicht der Fall. Bei der Digitalisierung sind viele teils komplexe Schritte abzubilden. Individuelle Lösungen waren/sind teuer und riskant. Gerade kleinere Finanzdienstleister konnten sich das nicht leisten bzw. die damit verbundenen Risiken nicht eingehen. Diesen Instituten blieb eigentlich nur noch die Alternative: Wenn sie digital Kunden gewinnen wollten, mussten sie sich einer Plattform anschließen.

Das hat sich aber geändert. Mittlerweile stehen für den Aufbau von digitalen Antragsstrecken auf High-End-Niveau sämtliche IT-Module auf dem Markt zur Verfügung. Als Beispiel soll hier der afb-Business Case „Digitale Immobilienfinanzierung“ dienen. Damit lassen sich die vielen Schritte der Immobilienfinanzierung auf dem vom Kunden gewünschten Niveau (komfortabel, medienbruchfrei, schnell) anbieten.

Die Möglichkeit der Wahl stellt nun tatsächlich eine breite Anzahl von Finanzdienstleistern vor die Schicksalsfrage: Plattform oder eigene digitale Antragsstrecke?

Ergänzungshalber sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch Plattformanbieter ihren Mitgliedern digitale Antragsstrecken anbieten, die diese dann in ihrem Namen betreiben („White Labeling“). Diese Variante ändert aber am Wesen der Fragestellung nichts. Der Plattformanbieter nimmt dann die Rolle eines IT-Service-Providers ein.

(b) Duopolisierung

Was wird aus dieser Schicksalsfrage, wenn man noch zusätzlich den Aspekt hinzuzieht, dass auf Plattformseite eine Duopolisierung im Gange ist?

Die Konzentration von Machtverhältnissen bringt immer die Gefahr der Marktmanipulation mit sich und dass die Stärkeren die Regeln gegen eine breite Schar von Schwächeren durchsetzen können. Dieser Mechanismus ist auch bei der Immobilienfinanzierung anwendbar. Aus Sicht der Finanzdienstleister bedeutet die Konzentration der Machtverhältnisse auf zwei Plattformen eine Verstärkung der negativen Konsequenzen, wenn man sich einer Plattform anschließt. Die Risiken, auf eine reine Abwicklungsbank reduziert zu werden und das gesamte Kundenvertrauen in die Hände einer als Gatekeeper agierenden Plattform zu legen, erhalten noch mehr Tragweite. Wenn die Plattform nicht nur die Kontrolle über die für den Finanzdienstleister existenziell wichtigen Touchpoints hat, sondern an jedem auch noch eine starke Machtfülle, so kann sich die Gefahr eines Diktierens von Konditionen extrem verstärken.

Im Gegensatz zur Kundenseite hat also die Duopolisierung aufseiten der Finanzdienstleister sehr wohl einen Effekt. Er verstärkt die Notwendigkeit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Umgekehrt ausgedrückt lässt sich behaupten: Wer jetzt nicht handelt oder die Weichen falsch stellt, setzt alles aufs Spiel.

Welcher Weg für Finanzdienstleister der richtige ist, ist individuell zu analysieren. Eine Analyse finden Sie demnächst hier auf Finance Business Next.

(4) Zusammenfassung

Untersucht wurde jeweils aus der Perspektive der Endkunden und aus der Perspektive der Finanzdienstleister, welchen Effekt im ersten Schritt die Bedeutungszunahme von Plattformen und welchen Effekt im zweiten Schritt die Duopolisierungs-Tendenz hat. Zusammenfassend lässt sich sagen:

Aus Sicht des Kunden ist der Siegeszug der Plattformen eine Erweiterung seiner Möglichkeiten, die er gerne annimmt. Die Tendenz der Duopolisierung hat für den Kunden vorerst keine Auswirkungen, er verspürt sie meist nicht einmal.

Aus Sicht von Finanzdienstleistern bringt der Vormarsch der Plattformen die Situation mit sich, dass Finanzdienstleister akut über die Frage nachdenken müssen, ob man sich einer Plattform anschließt oder in eigene digitale Antragsstrecken investiert. Der Effekt, dass es zu einer Duopolisierung kommt, gesellt sich verstärkend hinzu. Wer untätig ist, ist sicher raus.

5. Fazit

Die beiden Trends bei der digitalen Immobilienfinanzierung (Bedeutungszunahme von Plattformen und Duopolisierung) sorgen vor allem aus Sicht der Finanzdienstleister für spannende Effekte. Drastisch formuliert stehen sie vor folgender Situation: Sollen sie das jahrzehntelange Kundenvertrauen billig abgeben und vom Ranking der jeweiligen Vergleichsportale abhängen oder können sie selbst dem duopolisierten Status quo etwas entgegensetzen? 

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Finanzdienstleister, die ihren eigenen Weg der digitalen Kundengewinnung verfolgen wollen, haben jetzt nicht nur die Möglichkeit. Sie haben zudem immer noch gute Karten in der Hand: Berücksichtigt man die Ergebnisse aus Abb. 5, wird ersichtlich, dass die Webseite der Hausbank von den Nutzern immer noch als eine wichtigere Informationsquelle empfunden wird als die eines Vergleichsportals. Das verdeutlicht das Vertrauen, das die Institute von Kundenseite (immer noch) genießen. Durch die Möglichkeit, effizient eigene digitale Antragsstrecken aufzubauen, lässt sich dies „in die Zukunft retten“.

Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie die anspruchsvolle Immobilienfinanzierung in der Praxis aussieht? Dann empfehlen wir Ihnen unseren Business Case zum Thema „Digitale Immobilienfinanzierung“.
 

Quellen

[1] Mehr über die Auswirkungen von Corona auf Finanzdienstleister erfahren Sie in unserem White Paper (2020) https://financebusiness.afb.de/2020/06/18/white-paper-auswirkungen-von-corona-auf-finanzdienstleister/ 
 
[2] Interhyp (2020): „Per Telefon und Live-Beratung zum Baukredit“ https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/presse/per-telefon-und-live-beratung-zum-baukredit.html
 
[3] Check24 (2020): „Baufinanzierung: Digitale Beratung boomt während Corona-Krise“ https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/presse/per-telefon-und-live-beratung-zum-baukredit.html 
 
[4] Europace (2020): https://neu.europace.de/ 
 
[5] Platow (2020): „Hypoport/Interhyp – ein Duo im Baufinanzierungs-Rausch“ https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/presse/per-telefon-und-live-beratung-zum-baukredit.html 
 
[6] finanz-szene (2020): Christian Kirchner „Wie Hypoport und Interhyp die Baufinanzierung duopolisieren“ https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/presse/per-telefon-und-live-beratung-zum-baukredit.html 
 
[7] Interhyp (2020): https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/ 
 
[8] Focus (2013): „Immobilienfinanzierung per World Wide Web“ https://www.focus.de/kultur/medien/nvigator-immobilienfinanzierung-per-world-wide-web_aid_183877.html
 
[9] Interhyp in Wikipedia (2020): https://de.wikipedia.org/wiki/Interhyp
 
[10] Interhyp-Gruppe (2020): https://www.interhyp-gruppe.de/unternehmen/historie/
 
[11] Genopace (2020): https://www.genopace.de/ueber-genopace/ 
 
[12] finanz-szene (2020): Christian Kirchner „Wie Hypoport und Interhyp die Baufinanzierung duopolisieren“ https://www.interhyp.de/ueber-interhyp/presse/per-telefon-und-live-beratung-zum-baukredit.html 
 
[13] Yext (2020): „Yext-Studie: Konsumenten suchen alle paar Tage nach Banken“ https://www.yext.de/blog/2020/07/21/yext-studie-konsumenten-suchen-alle-paar-tage-nach-banken/ 
 
[14] IT-Finanzmagazin (2020): „Vergleichsportale: janusköpfige Partner für Finanzdienstleister“ https://www.it-finanzmagazin.de/vergleichsportale-januskoepfige-partner-fuer-finanzdienstleister-104727/


Dr. Lars Rüsberg

Autor:

Dr. Lars Rüsberg

für afb Application Services AG